Kurz vorweg: Swisscom hat ISDN bereits 2018 vom Netz genommen. Das klassische PSTN-Netz (analoge Kupferanschlüsse) wird bis Ende 2026 endgültig deaktiviert. Schweizer KMU mit Lift-Notruf, Einbruch-/Brandmelder, Fax oder Frankiermaschine an einer alten Linie müssen jetzt handeln – sonst stehen Notruf-Strecken, Aufschaltungen und Geschäftsprozesse im Q1/2027 still.
Welche Geräte sind betroffen?
Alles, was über eine analoge Kupferleitung oder einen ISDN-S0-Bus an das Festnetz angebunden ist, wird mit der PSTN-Abschaltung ausser Betrieb genommen. In der Praxis sind das nicht nur Telefone, sondern eine ganze Reihe sicherheits- und geschäftskritischer Endgeräte:
- Lift-Notrufgeräte (SN EN 81-28): pflicht zur dauerhaften 2-Wege-Sprechverbindung – meist über analoge Wählgeräte realisiert.
- Brandmeldeanlagen (BMA) mit Aufschaltung zur Feuerwehr-Leitstelle via PSTN-Wählgerät oder ISDN-Modul.
- Einbruchmeldeanlagen (EMA) mit Alarmübertragung an Wachgesellschaft (Securitas, Protectas) über Wählgerät.
- Aufzugsteuerungen und Notrufanlagen in Parkhäusern, Tiefgaragen, Pflegeheimen.
- Frankiermaschinen (Frama, Pitney Bowes) mit Online-Portofunktion via analogem Modem.
- Faxgeräte – G3-Fax läuft über VoIP nur mit T.38 zuverlässig, sonst gehen Seiten verloren.
- Alarmwählgeräte für Heizungs-, Kälte- und Gebäudeleittechnik (Störmeldungen).
- GSM-Gateway-Lösungen, die als Backup gedacht waren, aber an einer PSTN-Linie hängen.
- POS-Terminals mit Wahlverfahren (Modem-Einwahl ins Zahlungsnetz).
- EC-Karten-Terminals älterer Bauart (vor IP-/SIX-yomani-Generation).
Welche Lösungen gibt es?
All-IP-Anschluss (z. B. Swisscom Business Connect)
Der Provider liefert SIP-Registrierung direkt – ideal für klassische Telefonie ohne eigene PBX. Endgeräte sind IP-Telefone, FXS-Adapter oder Cloud-Apps.
SIP-Trunk (Sunrise, Salt, Wingo, VTX, Quickline)
Sie bringen Ihre eigene Telefonanlage (3CX, Innovaphone, Yeastar) und mieten nur den Sprachkanal. Maximale Flexibilität, beste Kosten ab 10+ Linien.
Microsoft Teams Phone (Operator Connect / Direct Routing)
Telefonie wird Teil von Teams – ein Tool für Chat, Meetings, Calls. Bei M365-E5 oder Teams-Phone-Add-on lizenztechnisch einfach.
3CX Cloud / Wildix / Nfon (gehostete PBX)
Vollwertige Telefonanlage aus der Cloud – mit Warteschleifen, IVR, Callcenter-Features. Apps für Mobil & Desktop, Web-Client.
IP-Adapter mit a/b-Port (FXS-Gateway)
Hardware-Brücke für analoge Endgeräte: Patton SmartNode, AudioCodes MP-1xx, Cisco SPA. Wandelt SIP in klassisches a/b um.
GSM-Router/-Gateway für Notruf-Strecken
Mobilfunkbasierte Übertragung ist unabhängig von Strom und LAN am Standort – ideal als Backup oder Primärweg für Aufzug-Notruf.
Anbieter im direkten Vergleich
| Anbieter | Architektur | Preis / Anschluss / Mt | SLA | Eignet sich für | Schwäche |
|---|---|---|---|---|---|
| Swisscom Business Connect | All-IP, Hosted PBX im Swisscom-Netz | CHF 39–69 | 99.9%, 24/7 Hotline | KMU 5–100 User, ein Anbieter für alles, gute Notruf-Lokalisierung | Vendor-Lock-in, weniger Flexibilität bei Sonderlogik |
| Sunrise UPC Business | SIP-Trunk oder Hosted, Glasfaser/Coax | CHF 25–55 | 99.9%, Business-Support | Mittelstand 20–300 User, gute Bundle-Konditionen mit Internet | Portierungs-Prozesse zäher als bei Swisscom, Doku teils dünn |
| Salt Business | SIP-Trunk auf eigenem Glasfaser-Backbone | CHF 19–45 | 99.5%, B2B-Support | Preisbewusste KMU, Standorte mit Salt-Fiber-Abdeckung | Kleineres B2B-Portfolio, weniger Spezialprodukte (z. B. Notruf-Strecken) |
| Wingo / Wingo Business | SIP über Swisscom-Netz (Discount-Brand) | CHF 10–25 | Best Effort, kein 24/7-SLA | Kleinst-Firmen 1–10 User, einfache Telefonie ohne Notruf-Pflichten | Kein Business-SLA, keine Lift-/BMA-tauglichen Strecken |
| Microsoft Teams Phone | Direct Routing oder Operator Connect | CHF 12 (Lizenz) + Trunk | 99.9% Teams + Operator-SLA | M365-Häuser, Knowledge-Worker, hybride Teams | Klassische Endgeräte (Fax, FXS) brauchen separate Lösung |
| 3CX Cloud / On-Prem | Hosted oder Self-Hosted PBX + SIP-Trunk | CHF 5–15 (Lizenz) + Trunk | 99.9% (Cloud), eigenverantwortlich on-prem | Praxen, Treuhand, Callcenter, granularer IVR/Warteschleifen-Bedarf | Eigenverantwortung Updates/Security on-prem, Trunk-Wahl nötig |
Preise Stand Mai 2026, exkl. MwSt., Listenpreise. Bei Mehrjahresverträgen oder Bündelung mit Glasfaser-Internet sind 15–25% Rabatt üblich. Achten Sie immer auf den Posten "Notruf-Routing": Discount-Anbieter wie Wingo schliessen Notruf-Pflichten oft vertraglich aus.
Spezialthemen: Notruf, Aufzug, Strom
Notruf-Routing & Standort-Verifikation
112/117/118/144 zuverlässig auf den Standort routen
Bei VoIP weiss der Provider nicht automatisch, wo Sie physisch sind. Bei jeder Migration muss die Standort-Adresse pro DDI hinterlegt werden – sonst landet der Notruf in der falschen Einsatzzentrale. Bei Multi-Standort-KMU: jede Filiale eigene Standort-Info im Tenant.
Aufzug-Notruf nach SR 819.13 / SN EN 81-28
2-Wege-Sprechverbindung mit Backup
Liftverordnung verlangt eine dauerhafte Sprechverbindung zur Notrufzentrale mit redundanter Übertragung. Empfehlung: SIP über USV-gesicherten Router plus GSM-Backup. Reines VoIP ohne Backup erfüllt die Norm nicht – bei Liftrevision drohen Stilllegungen.
GSM-Gateway statt PSTN-Leitung
Robustel, Teltonika, Cisco IR-Serie
Für abgesetzte Notruf-Strecken (Aufzug im Hinterhof, Pumpstation, Trafostation) ist eine eigene GSM-Strecke oft günstiger und resilienter als eine VoIP-Verbindung über das Firmen-LAN. Eigene SIM, eigene Stromversorgung, eigener Antennenstandort.
Stromausfall-Sicherheit (USV-Pflicht)
USV für SBC, Router, IP-Telefone an Notruf-Strecken
Das alte PSTN war eigengespeist über Kupfer (48 V vom Vermittlungsamt). VoIP nicht – fällt der Strom, geht der Telefonanschluss tot. Für Lift-Notruf, BMA, EMA ist eine USV mit min. 4 h Überbrückung Pflicht. PoE-Switches mit Akku-Backup integrieren.
Migration in 8 Wochen
- Woche 1: Vollständige Inventur aller Anschlüsse, DDIs, Nebenstellen, Notruf- und Sonder-Geräte (Lift, BMA, EMA, Fax, Frankiermaschine, POS, Heizungs-Wählgerät).
- Woche 2: Anbieter wählen und Verträge prüfen – inkl. expliziter Klausel zu Notruf-Routing, SLA und Portierungs-Garantie. Mehroffert-Vergleich mit min. 2 Anbietern.
- Woche 3: Nummernportierung beantragen (4–6 Wochen Vorlauf zwingend) und parallel Hardware bestellen: LAN-/PoE-Switches, IP-Telefone, SBC, FXS-Adapter, GSM-Gateway, USV.
- Woche 4: Netzwerk fit machen – VLAN für Voice, QoS-Markierung (DSCP EF), Firewall-Regeln für SIP/RTP, Internet-Bandbreite überprüfen (ca. 100 kbit/s pro Gespräch).
- Woche 5: Pilot an einem Standort oder einer Abteilung – inkl. Notruf-Testanruf an 112, 117, 118 und 144 (vorher mit Provider absprechen, sonst sind echte Einsatzfahrten möglich).
- Woche 6: Sonder-Geräte umstellen: Lift-Notrufgerät auf FXS-Adapter + USV, BMA via IP-Modul oder GSM, Frankiermaschine via a/b-Port. Jedes Gerät einzeln testen und protokollieren.
- Woche 7: Cutover für die ganze Firma – Nummern werden portiert, alte ISDN-/PSTN-Linie deaktiviert. 48-h-Hyper-Care-Phase mit erhöhter Erreichbarkeit der IT.
- Woche 8: Restmüll – alte Anlage zurückbauen, ISDN-Karten/NTBA entfernen, Verträge beim Altanbieter sauber kündigen, Dokumentation übergeben (Wallplan, DDI-Liste, Notruf-Routing-Nachweis).
Was kostet die Umstellung?
Beispielrechnung für ein typisches Schweizer KMU mit 20 Mitarbeitenden, 1 Aufzug und 1 Brandmeldeanlage. Werte sind realistische Mittelwerte – im Einzelfall hängen sie stark vom Bestand (Verkabelung, Switches, USV) und vom gewählten Anbieter ab.
| Position | Beschreibung | Kosten CHF |
|---|---|---|
| Hardware (einmalig) | SBC/Router, 20 IP-Telefone Mittelklasse, PoE-Switch, FXS-Adapter (Patton/AudioCodes), GSM-Gateway für Lift, USV | 4’000 – 8’000 |
| Trunk + DDIs (monatlich) | SIP-Trunk mit 4–8 gleichzeitigen Gesprächen, 20 Direktwahlen (DDIs), Standard-Flatrate Schweiz | 80 – 150 / Monat |
| Lizenzen (monatlich) | Teams Phone, 3CX Cloud oder vergleichbar – je nach Modell pro User CHF 5–15 | 100 – 300 / Monat |
| Migrations-Begleitung (extern) | IT-Dienstleister: Konzept, Portierung, Konfiguration, Cutover-Begleitung, Doku | 3’000 – 6’000 |
| Notruf-Strecke Aufzug | GSM-Gateway, eigene SIM, USV, Erstabnahme durch Aufzugshersteller | 1’500 – 3’000 |
| Reserve / Unvorhergesehenes | Verkabelungs-Anpassungen, alte Frankiermaschine ersetzen, Fax-to-Mail-Lizenz | 1’000 – 2’000 |
In Summe rechnen Sie mit rund CHF 10’000 – 15’000 einmalig plus CHF 200 – 450 monatlich für ein klassisches 20-Personen-KMU. Wer noch Frankiermaschine, ältere EC-Terminals oder mehrere Faxe ersetzen muss, landet eher bei CHF 15’000 – 20’000 einmalig.
Typische Stolpersteine
- Lift-Notruf vergessen: Bei der Migration nur an die Schreibtisch-Telefone gedacht – Aufzug-Wählgerät hängt weiter an der zu kündigenden PSTN-Linie und steht beim Cutover still.
- Brandmelder nicht migriert: BMA-Aufschaltung an die Feuerwehr-Leitstelle bricht ab – die produktrelevante PRZ (Produkterelevante Zertifizierung / Versicherungs-Zertifikat) ist gefährdet, Versicherungsschutz potenziell weg.
- Keine USV: VoIP-Strecken fallen beim Stromausfall aus – Notruf-Pflichten (Lift, BMA, EMA) sind nicht mehr erfüllt. PSTN war eigengespeist, VoIP ist es nicht.
- Nummernportierung zu spät beantragt: Realistisch sind 4–6 Wochen Vorlauf, bei Sammelnummern auch 8 Wochen. Wer 14 Tage vor PSTN-Abschaltung beginnt, verliert temporär die Erreichbarkeit.
- Fax läuft nicht über VoIP zuverlässig: G3-Fax braucht T.38 auf dem Trunk – ohne T.38 reissen Übertragungen ab, Seiten fehlen. Besser: auf Fax-to-Mail-Dienst migrieren oder ganz abschaffen.
- Frankiermaschine braucht Adapter: Frama, Pitney Bowes & Co. lassen sich nur über aktiven a/b-Adapter (FXS) ins SIP-Netz hängen – oder Sie wechseln auf reine Online-Frankatur via Post-Webshop.
- EC-/POS-Terminal nicht IP-fähig: Ältere Terminals (vor SIX yomani XR) wählen sich modemmässig ein. Hier zwingend Hardware-Tausch beim Acquirer (SIX, Worldline, Concardis) anstossen – Lieferzeiten 4–8 Wochen.
- Keine Dokumentation der DDI-Zuordnung: Nach Portierung weiss niemand mehr, welche Nummer auf welchem Endgerät landet. Saubere DDI-Liste vor Cutover ist Pflicht.
Fazit: Jetzt handeln, nicht im Q4/2026
Die PSTN-Abschaltung ist kein Schreckgespenst, sondern ein längst angekündigter Endpunkt. Wer in den letzten Monaten 2026 erst beginnt, riskiert nicht erreichbar zu sein, einen stillstehenden Lift oder eine BMA ohne Aufschaltung. Beides hat Konsequenzen – versicherungstechnisch, betriebsrechtlich und reputativ.
Die Migration selbst ist Routine: Inventur, Anbieterwahl, Portierung, Hardware, Pilot, Cutover. Entscheidend ist, dass die Sonderfälle (Lift, Brandmelder, Fax, Frankiermaschine, POS) mitgedacht werden – und dass Notruf-Strecken redundant und USV-gesichert sind. Wer das sauber plant, hat danach eine moderne, flexiblere und langfristig günstigere Telefonie als zuvor.
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