Kurz vorweg: Das Schweizer Stimmvolk hat im März 2024 das BGEID angenommen. Die staatliche E-ID kommt voraussichtlich im Herbst 2026 – als freiwilliges, kostenloses und vom Bund herausgegebenes digitales Pendant zum Pass. Sie basiert auf der offenen Trust-Infrastruktur „swiyu“ (Self-Sovereign Identity, W3C Verifiable Credentials). Wer Onboarding, Verträge oder Kunden-Identifikation digital betreibt, sollte jetzt mit der Integration starten.
Was die E-ID konkret ist – und was sie nicht ist
Die E-ID ist ein hoheitlicher, kryptographisch geprüfter Identitätsnachweis. Im Unterschied zu früheren Lösungen liegen die Daten nicht zentral beim Staat, sondern auf dem Smartphone der Bürgerin oder des Bürgers (swiyu-Wallet). Geteilt wird gezielt – pro Anwendung nur das Nötige (z.B. „über 18“, „wohnhaft in CH“).
Hoheitlich, freiwillig, kostenlos
Der Bund (fedpol) gibt die E-ID heraus. Die Beantragung ist freiwillig und kostenlos – Voraussetzung ist ein gültiger Schweizer Pass oder eine Identitätskarte.
Wallet-basiert (swiyu)
Die E-ID liegt in einer Wallet-App auf dem Smartphone. Daten verlassen das Gerät nur, wenn die Nutzerin aktiv zustimmt. Die Trust-Infrastruktur ist Open Source.
Selective Disclosure
Sie als Verifier fragen nur an, was Sie für den Use Case brauchen. Beispiel: Für Alterskontrolle reicht „über 18: ja/nein“ – Geburtsdatum bleibt geheim.
Zusätzliche Credentials möglich
Die swiyu-Infrastruktur ist nicht auf den staatlichen Ausweis beschränkt. Hochschulen, Kammern oder Arbeitgeber können eigene Verifiable Credentials ausstellen (z.B. Diplome, Berufslizenzen).
Keine SwissID-Ablösung
SwissID bleibt für Daily Logins (Online-Banking, Versicherung, AHV-Konto). Die E-ID ergänzt für Use Cases mit gesetzlichem Identitätsnachweis.
Top Use Cases für Schweizer KMU
Kunden-Onboarding (KYC)
Direkt-Identifikation in 30 Sekunden
Ersetzt Video-Ident und Postident. Banken, Vermögensverwalter, Versicherungen und Telkos sparen pro Onboarding CHF 8–25 und 3–7 Werktage.
Verträge mit QES/FES
Verbindung mit Skribble / DocuSign
Die E-ID liefert eine vollwertige Identifikation für die qualifizierte elektronische Signatur (QES) – rechtsgleich mit handschriftlicher Unterschrift.
Aufträge mit Schriftform
Mietverträge, Vollmachten, Garantien
Wo Schriftform vorgeschrieben ist (Art. 14 OR), brauchts QES + Identifikation. Die E-ID + Skribble löst das in einem Schritt.
Alterskontrolle (Detailhandel, Gastro)
Tabak, Alkohol, Online-Shop
Über die selektive Offenlegung „über 18: ja/nein“ – ohne dass Geburtsdatum oder ID-Nummer abfliesst.
Behörden-Portale
Bauamt, Steuern, Handelsregister
Bund, Kantone und Gemeinden integrieren die E-ID in eGov-Portale. Wer dorthin eingebunden ist (Notare, Treuhänder), muss mitziehen.
B2B-Onboarding
UBO-Erfassung, Vertretungsmacht
Geldwäschereigesetz verlangt Identifikation der wirtschaftlich Berechtigten. Die E-ID + VC „Geschäftsführer“ macht das remote machbar.
E-ID vs. SwissID vs. AGOV vs. Video-Ident
| Lösung | Herausgeber | Sicherheits-Level | Typischer Einsatz |
|---|---|---|---|
| E-ID (BGEID) | Bund / fedpol | High (LoA 3+) | Hoheitliche Identifikation, QES, Verträge |
| SwissID | SwissSign AG (privat) | Substantial | Login Online-Banking, Versicherungen, AHV-Konto |
| AGOV | Bund | Substantial | Login bei Bundesportalen |
| Video-Ident | Anbieter wie Intrum, IDnow, Onfido | High (mit Operator) | Banking-Onboarding, Telekom-Vertrag |
| Postident | Schweizer Post | High | Klassisches KYC mit Filialgang |
Die E-ID ist nicht „besser“ als SwissID, sondern ergänzt sie für Use Cases mit Identifikations-Pflicht. Wer heute schon SwissID akzeptiert, behält das. Wer Video-Ident oder Postident im Onboarding hat, kann mit der E-ID Kosten und Conversion-Verluste massiv senken.
Vorbereitungs-Roadmap für Ihr KMU
- Q2 2026: Use Cases identifizieren – Onboarding, Vertrag, Alterskontrolle, B2B-KYC. Pro Use Case: heutige Kosten/Conversion-Verluste, Sparpotenzial mit E-ID.
- Q2 2026: Integrations-Partner wählen – Procivis One, Adnovum Nevis, IDnow, Identityhub oder direkte SDK-Integration mit swiyu.
- Q3 2026: DSFA gemäss revDSG durchführen – welche Daten werden angefragt, welche minimal nötig (selective disclosure), Aufbewahrung, Löschkonzept.
- Sept/Okt 2026: Erste Pilot-Integration mit der live geschalteten E-ID. Beginn typischerweise im Onboarding-Flow als zusätzliche Option neben SwissID/Video-Ident.
- Q4 2026 / Q1 2027: Roll-out, Conversion messen, Postident und Video-Ident schrittweise ablösen. Zusatznutzen: später eigene VCs ausgeben (Mitarbeiter, Kunden, Partner).
Typische Stolpersteine
- „Wir warten, bis alle eine E-ID haben“ – falsch. Adoption beginnt langsam (geschätzt 5–15% Q4 2026). Wer früh integriert, bedient die digital affinen Kunden zuerst und sammelt Praxis-Erfahrung.
- Zu viele Daten anfragen – revDSG-Konflikt. Beim selective disclosure nur die nötigen Felder anfragen. Nicht „ganzes Profil“, sondern „Vorname, Nachname, AHV-13: optional“.
- Kein Fallback geplant – wer keine E-ID hat, muss ins alte Verfahren zurückfallen können. Postident, Video-Ident und SwissID parallel weiterführen, mindestens 2027.
- DSFA vergessen – die E-ID-Verarbeitung ist meldepflichtig (Art. 22 revDSG). Vor Go-Live durchführen, sonst drohen Bussen bis CHF 250’000.
- Eigene VCs zu früh ausgeben – Standards sind noch in Bewegung. Erst eigene Credentials emittieren, wenn 1–2 produktive Use Cases in der swiyu-Infrastruktur stabil laufen.
Fazit: Frühzeitig vorbereiten, später skalieren
Die E-ID Schweiz wird der Onboarding-Standard der nächsten 5 Jahre. Wer heute Video-Ident oder Postident betreibt, senkt mit ihr Kosten um 60–80% und beschleunigt Conversion deutlich. Wichtig: Die E-ID ersetzt nicht SwissID oder bestehende Logins – sie ergänzt für rechtsverbindliche Identifikation.
Starten Sie mit einem klar abgegrenzten Use Case (Onboarding, Vertrag, Alters-Check), führen Sie die DSFA durch und integrieren Sie über einen Verifier-SDK. Die swiyu-Infrastruktur ist offen und kostenfrei – die einzigen Kosten sind Integration und DSFA. ROI-Berechnung lohnt sich ab 200 Onboardings pro Jahr fast immer.
E-ID strategisch einführen
Wir analysieren Ihre Onboarding- und Vertragsprozesse, identifizieren E-ID-Hebel, führen die DSFA durch und integrieren über swiyu in Ihr System.
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